verfaßt von M.Falcke, E-Mail: nicht-oeffentlich [at] einsehbar.de, 22.12.2007, 14:26 Uhr
Liebe Leserinnen und Leser,
Weihnachten, Neujahr, Geburtstage und wiederkehrende Gedenktage sind immer wieder Zeitpunkte, die zur besseren Selbstreflexion führen können.
Für mich geht mit dem Jahrwechsel 2007 auf 2008 verspätet eine Etappe zu Ende die am 27. Mai 1987 begann. An diesem Tage endete meine zweite von der Stasi inszenierte Haftzeit mit dem Freikauf in die Bundesrepublik. Für dieses Geschenk der zweiten Geburt und der Freiheit versprach ich mir: wenn du noch erlebst das dein Sohn so alt wird wie du jetzt bist, dann teile bis dahin die Freude, überhaupt überlebt zu haben. Und ich versprach mir, wenn ich es erlebe, mich zumindest die nächsten zwanzig Jahre nicht nur für mich sondern auch für Menschen mit ähnlichem Schicksal zu bemühen.
Das habe ich bis zum mit Freudentränen begleiteten Untergang der DDR getan. Als Freiberufler habe ich stets von meinen Einnahmen für Betroffene gespendet, DDR-Flüchtlinge betreut oder gar untergebracht, gegen Honeckers Millardenkredite in München Demos organisiert und Bürgerrechtler in der DDR regelmässig unterstützt. Aus all diesen Gründen beendete die Stasi meine Beobachtung erst am 10.12.1989. Und seit dem Jahr 1998 gibt es diese Domain, seit 1999 erste Inhalte darauf und seit 2001 eine kontinuierliche Entwicklung dieser Internetseite - mit allen Höhen und Tiefen. In den vergangenen zwanzig Jahren begleitete mich dies Thema also nicht nur aus eigener Betroffenheit, sondern auch weil ich meinem Versprechen des Teilens von Freude und Leid treu blieb.
Heute ziehe ich ein kleine öffentliche Bilanz, bevor ich mich von der permanenten öffentlichen Aufarbeitung der SED-Diktatur verabschiede. Ich habe Hunderte Menschen persönlich kennen gelernt, die das gleiche Schicksal wie ich teilen. Menschen die als Jugendliche das Naziregime erleiden mussten und den GULAG oder die Sonderlager (wie das frühere KZ Sachsenhausen) überlebt haben; Menschen die an der Mauer von Selbstschussautomaten zum Krüppel geschossen wurden und Menschen, die jedes Leid der repressiven DDR bewundernswert stark überlebten.
Die Bilanz dieser Internetseite ist noch erstaunlicher. Weit über 6 Millionen Mal wurde diese Seite allein in den Jahren 2004 - 2007 aufgerufen. Insgesamt wurden in dieser Zeit über 15 000 Beiträge veröffentlicht, die sich in mehrere Tausend Diskussionen aufgliedern. Und auch das Gästebuch füllte sich bisher mit fast 2200 Beiträgen. Viele tausend Mails erreichten mich ebenso in all den Jahren, hunderte Medien recherchierten, veröffentlichten oder verwiesen auf diese Internetseite. Und auch die Suchmaschine Google, als Inkarnation des virtuellen und globalen Linkverzeichnisses, referenziert zum Thema Stasi und SED-Diktatur www.stasiopfer.de fast immer auf der ersten Seite. Dutzende Veranstaltungen, Kongresseinladungen, Podiumsdiskussionen, Auftritte in TV-Talkshow und Radiointerviews waren zu verzeichnen. Über Tausend Hilfsanfragen konnten beantwortet oder an seriöse Beratungsstellen wie die BSTU verwiesen werden. Der Aufwand, die Zeit und auch die Kosten hierfür waren nicht unerheblich. Seit dem Jahr 2004 wird diese Internetseite vom gemeinnützigen Verein Spurensuche getragen, der zumindest für die Verbesserung der Technik der Internetseite einen einmaligen Kostenzuschuss von der Stiftung Aufarbeitung erhielt.
Allerdings ist die Bilanz nicht ungetrübt, wie die regelmässigen Leser dieser Internetseite wissen. Je erfolgreicher und bekannter diese Domain wurde, desto mehr zweifelhafte Besucher, Hackangriffe und Versuche der politischen Vereinnahmung gab es. Mehrfach versuchten auch einstige hauptamtliche Mitarbeiter des MfS oder Stasispitzel diese Internetseite mit rechtlichen Mitteln zu bekämpfen. Alle derartigen Versuche wurden rechtlich in ihre Schranken verwiesen - zu keiner Zeit erwies sich das Vorgehen dieser einstigen Schergen des MfS als rechtskonform. Exemplarisch dafür sei der langjährige Stasispitzel und heutige Kinderbuchautor Henning Pawel genannt, dem erst das Gericht kostenpflichtig nachhelfen musste. Das hindert den einstigen freiwilligen IM Oertel alias Henning Pawel nicht, sich auch mit Auszügen aus seiner Täterakte, die den behördlichen Aufdruck "Unterlage eines Stasi-Mitarbeiters" tragen (siehe z.B. http://www.henning-pawel.de/stasi/stasi49.html ) , als Verfolgter des DDR-Unrechts darzustellen.
Zur negativen Bilanz gehört auch, dass dieses Forum und das Gästebuch seit mehreren Jahren nicht mehr unmoderiert für jeden Besucher frei zugänglich sein kann. Das Internet verführt nicht nur sogenannte Trolle zu destruktiven Verhaltensweisen - zunehmend liessen Rechtsextremisten, Verschwörungstheoretiker u.a. dubiose Personen auch ihre politischen Aversionen und Agressionen in strafbaren Äusserungen aus. Daher dürfen nur noch angemeldete Besucher ihre Meinung publizieren. Derzeit sind ca. 1200 regelmässige Benutzer registriert und sorgen mit sachbezogenen und konstruktiven (dabei durchaus auch kritischen) Beiträgen für ein interessantes und lesenswertes Forum.
Die letzen zwei Jahre, welche mit dubiosen persönlichen Anwürfe gespickt wurden, sollen meine Lebensmaxime der vergangenen zwanzig Jahre jedoch nicht überschatten. Daher habe ich mich bisher noch nicht zurückgezogen - denn es war notwendig sich gegen den massiven und strafbaren Rufmord mit rechtlichen Mitteln zu erwehren. Nunmehr wurden die ersten verbindlichen Urteile gesprochen und in anderen strafwürdigen Machenschaften steht die Klärung bald an: über die Täter und ihre Urteile werden Sie auch zukünftig hier in aller gebotenen Distanzierung informiert werden. Die Zeit ist daher gekommen mich beruhigt verabschieden zu können - ich habe einen bescheidenen Beitrag zur Aufarbeitung zu leisten versucht.
So möchte ich mich als Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Spurensuche von allen Lesern und konstruktiv engagierten Betroffenen öffentlich verabschieden. Diese Internetseite wird natürlich nicht aufgegeben. Unser Verein hat in seiner letzten Versammlung darüber abgestimmt, dass die Robert Havemann Gesellschaft in Berlin (siehe: http://www.havemann-gesellschaft.de ) als würdiger Rechtsnachfolger tätig wird. Ich bitte Sie daher um Vertrauen und Geduld, wenn in den nächsten Wochen die Umstellung der Internetseite geschehen wird. Ab dem 01.01.2008 gehen alle Mails und alle inhaltlichen Beiträge direkt an die Havemann Gesellschaft in Berlin.
Ein persönliches Schlusswort von mir: Ich bedanke mich bei allen ehrlichen, authentischen und couragierten Menschen, die im Laufe der letzten acht Jahre zu mir Kontakt suchten. Meine Achtung und mein Respekt für die Lebenswege und die Schicksale vieler Betroffener ist sehr gross. Meine Kritik gilt weiterhin jeder Form von Extremismus, Fanatismus und Ideologie. Mein Rat an manchen Betroffenen: Ihr Blick auf die Vergangenheit wurde oft von Gefühlen dominiert. Ihre Zukunft hängt aber auch von Ihren Möglichkeiten des Vertrauens ab - bleiben Sie also kritisch UND suchen Sie auch Vertrauen für Ihre Zukunft.
Ich wünsche allen Lesern eine besinnliche Weihnachtszeit und vor allem ein Gesundes und Erfolgreiches 2008!
Mit herzlichen Grüssen
Mario Falcke
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Re:ABSCHIED UND NEUBEGINN - PERSÖNLICHE ERKLÄRUNG
verfaßt von Gerd, E-Mail: gepeleu [at] t-online.de, 03.01.2008, 19:44 Uhr
Hallo Mario
Bin Erfurter, zweifacher politischer Häftling (nicht freigekauft!) und kenne H.Pawel aus einer Wendeveranstaltung ´89 in Erfurt. Mein Redebeitrag hatte dort einige vom Sitz gerissen und zu offensichtlich ehrlichen Beifall angeregt.
H.P. hat danach nach kurzem Nachtrag meiner Erfurter Stasi-Geschichte bekümmert bemerkt:"So mutig war ich nicht!"
Danach habe ich durch mein Engagement für ehemalige politische Häftlinge aus Erfurt und Umgebung eine Menge Erlebnisberichte aber auch zweifelhafte Erfahrungen erfahren und machen müssen.
Unangenehm aber anscheinend wahr: Die Stasi war auch unter uns anscheinend immer dabei!
Du, Mario, hast nach deinen Erfahrungen auf deine Weise gegen das Verharmlosen gekämpft, und ich glaube, dass hast du gut gemacht.
Schade, dass die Strategie der Stasi der Zersetzung auch unter ihren Opfern so erfolgreich war.
Du wirst sicher einen Weg finden, weiterhin gegen die unverbesserlichen rotlackierten Faschisten zu argumentieren, so wie ich mich auf meiner Homepage www.optimale-arbeitsteilung.de bemühe.
Mit freundlichem Gruß
Gerd-Peter Leube
aus Erfurt
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