verfaßt von Koch, Dr. Dietrich, E-Mail: keine Email, 22.05.2006, 18:06 Uhr
Wo ist die Schreibmaschine geblieben?
„Das Leben der anderen“ ist ein spannender Film. Eindrucksvoll wird die Unterdrückung durch die Stasi dargestellt. Das wirkt schlüssig. Das ärmliche Leben des Hauptmanns Wiesler ist sicher eine Basis für seine Tätigkeit – und für seine Wandlung zum guten Menschen. Eindrucksvoll wird dargestellt, wie politisch Andersdenkenden das Rückgrat gebrochen wird. Die Stasi wirkt allmächtig.
Demgegenüber fallen einzelne Ungenauigkeiten auf: Die Abteilungen für die Potsdamer Hochschule, Abteilung XX für Überwachungen und die Vernehmungsabteilung waren getrennt. Hauptmann Wiesler hätte nicht wechselweise in all diesen Funktionen arbeiten können. Die ganztägige Überwachung wäre von drei Personen ausgeführt worden. Zunächst schienen mir diese Ungenauigkeiten nur dramaturgisch begründet zu sein, um das Geschehen in wenigen Personen konzentrieren zu können. Das ist als künstlerische Freiheit gerechtfertigt.
Aber langsam wurde deutlich, daß die Wandlung Wieslers zum Samariter ohne diese Ungenauigkeiten unmöglich wäre. Abhörprotokolle und die Abhörbänder lagen dem Sachbearbeiter gemeinsam vor. Bei drei Abhörern wäre es schon nicht möglich gewesen, gefälschte Abschriften von Protokollen weiterzugeben.
Aber nehmen wir das alles einmal hin. Spätestens nach dem Mißerfolg der Hausdurchsuchung, die Schreibmaschine unter der Türschwelle zu finden, mußte die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen. Sie ist nicht nur unstimmig, sie ist unmöglich geworden. Denn mit dem Mißerfolg bei der Hausdurchsuchung war die Geschichte nicht zu Ende. Wer hat den Artikel über ostdeutsche Selbstmorde im Spiegel geschrieben? Dieser Frage wäre die Stasi unbedingt weiter nachgegangen. Daß Christa-Maria Sieland in ein Auto läuft, erscheint als ein Kunstgriff, mit dem Florian Henckel von Donnersmarck, seiner immer unglaubwürdiger werdenden Story die Aufklärungsmöglichkeit nehmen will; denn eine lebende Schauspielerin wäre erneut zum Verbleib der Schreibmaschine gefragt worden. Aber auch ohne sie wäre die Stasi weitergekommen. Außer Georg Dreymann standen auch zwei Freunde für Vernehmungen zur Verfügung. Die Stasi hätte zweifelsfrei herausbekommen, daß Dreymann die Schreibmaschine versteckt und nicht kurz zuvor woanders hin gebracht hatte. Wer also war es?
Hauptmann Wiesler wäre nicht nur einfach zum Briefeaufdampfen in den Keller versetzt worden. Hier war etwas aufzuklären, und die Stasi hätte das getan. Entweder war Wiesler unschuldig oder schuldig. Er wäre solange verhört worden, bis alles herausgekommen wäre. Zunächst wäre sein zweiter Abhörkollege vernommen worden. Wieslers Übertritt zum Feind wäre deutlich geworden. Eine Hausdurchsuchung bei Wiesler hätte das Brechtbuch gefunden und damit bewiesen, daß er heimlich in Dreymanns Wohnung war. Und warum nicht ein zweites Mal wegen der Schreibmaschine? Schnell war er nach der Überführung der Schauspielerin verschwunden. Er hätte einen minutiösen Bericht über seinen Tagesablauf an diesem Vormittag geben müssen. Es wäre herausgekommen, daß er nicht an den Abhörgeräten saß. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er gestanden hätte, die Schreibmaschine beiseite geschafft zu haben. Nun war Wiesler mit den Verhörsmethoden bestens vertraut. Kann man daraus schließen, daß er sie überstanden hätte, oder muß man schließen, daß er wußte, sie würden ihn überführen und daß er deshalb schnell gestand? Jedenfalls hätte er in wochenlangen Verhören nichts mehr für sich behalten können.
Der Vergleich mit Werner Teske liegt nahe. Im Prozess vor dem 1. (Militär-)Strafsenat des Obersten Gerichts wies der Verteidiger darauf hin, dass die Verratspläne nicht in die Tat umgesetzt wurden und keine Information den Westen erreicht hat, doch am 11.06. 1981 wurde Werner Teske zum Tode verurteilt und 15 Tage später im Gefängnis Leipzig durch Genickschuß hingerichtet. Das wäre das Schicksal von Hauptmann Wiesner gewesen. Der Plot des Films ist vollständig unglaubwürdig.
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